Foyer des Wartens für Mensch und Kunst in Pandemie-Zeiten

Der Sommer ist vorbei. Er schenkte uns allen ein wenig wärmende Geborgenheit im Grün und Hell der Tagesphasen. Nun ist er vorbei.

Es ist nicht so einfach, allein zu sein, wie es meist den Anschein macht. Der eigene Schatten wird zum besten Freund und haucht einem Morgen für Morgen Lebensfreude in den ersten Kaffee. Seinem Flüstern entnehme ich: „Die Grenzen noch lange nicht erreicht.“

Manchmal fehlt Berührung, um Sprache zu bewegen, Berührung im Geiste, Berührung auf der Haut. Dann scheint Starksein nicht effektiver als in der Schwäche des Moments in sich zusammen zu fallen und im frischen Herbstlaub zu verweilen.

Ich würde gerne eine Geschichte schreiben, stattdessen fallen mir nur Zitate einzelner Momente ein, Zitate meiner Wahrnehmungen in diesen unruhigen Zeiten. Die klassische Schreibblockade. Ich schreibe nur, um meinen Fingerrost einzuölen und im Fall der Fälle bereit zu sein für den Durchbruch ins Unbekannte.

Und manchmal fühle ich mich wie ein Fisch in der Tiefsee. Unendliche Weiten. Mit unendlichen Menschenleeren. Und selbst wenn sich ein Fremder verirrt – woher soll er wissen, dass der Fisch sich nach einem Menschen sehnt?

Und doch, ich scheine dieses Gefühlsschicksal der Stunden (gerade) mit vielen Kaumsichtbaren zu teilen. Heute erst sah ich sie wieder, und ich sah sie nicht. Ich sah die wenigen durch den Sonntagabend geistern, und ich sah die vielen beim Vorbeilaufen in den Bars und Cafés der Innenstadt nicht.

Ich begab mich wie beinah jeden Abend in einen kurzweiligen Ausflug. Meistens drehe ich bei untergehender Sonne eine Fahrradrunde auf Stadtrandwegen, nah am Grün und Wasser. An anderen Abenden trete ich meinen Kilometerzähler des Smartphones an die 10km-Marke auf den nahegelegenen Wiesen und Feldern. Und an besonderen Abenden, wenn mich eine Kunst- und Kultursehnsucht ruft und ich mich der Satdtbewegungen gewachsen fühle, an solchen Abenden drehe ich mich durch die BVG-Schleife in Berliner Stadtmitte hinein. Dann lande ich auf den Parkwiesen nah anderer unruhiger Geister, folge auf Galeriepfaden mit suchendem Blick der Ästhetik oder bestaune die architektonische Vielfalt der Berliner Bezirke. Mit Musik im Ohr oder leichter Lektüre gewappnet versuche ich mir den Alltag mit Kinder- und Arbeitskram abzuschütteln und ein wenig mich und Mensch und Weiblichkeit außerhalb wieder zu ertasten.

STAGELESS im Friedrichstadt-Palast Berlin

Heute Abend besuchte ich eine laufende Fotografieausstellung im Friedrichstadt-Palast. Die Aufnahmen von Sven Marquardt entstanden bereits im Oktober 2019 unmittelbar nach einem Auftritt der porträtierten Künstler. Normalerweise lassen sich im Friedrichstadt-Palast jährlich eine halbe Million Gäste von den Shows begeistern. Seit März 2020 herrscht hier Stille und Farblosigkeit. Umso erfreulicher ist der Lichtblick, den diese Ausstellung im Foyer des Palasts schafft. In „STAGELESS“ („bühnenlos“) bekommen die Tänzerinnen und Tänzer des Ballettensembles eine eindrucksvolle Bühne in den bühnenleeren Pandemie-Zeiten. Auf großformatigen, überwiegend schwarz-weiß-Fotografien scheinen die Artisten in der letzten Bewegung, beim letzten Luft ein- oder aber ausatmen, im letzten Erstrahlen vor der großen Corona-Bühnenpause zu verharren. Sie warten, festgehalten im Fotomoment, aufgehangen im Foyer. Mit stillen Musikklängen untermalt wird in Endlosschleife ein Zusammenschnitt der Fotografien mit Einblenden der leeren und dunklen Bühnenausschnitte auf zwei gegenüberliegenden Leinwänden abgespielt. Die Ausstellungsbesucher mit ihren maskenverhüllten Gesichtern sitzen auf den Stufen des Aufgangs zum Bühnenraum, starren still auf die Fotomontagen und scheinen ebenfalls zu warten. Mittendrin hört man gelegentlich ein lauteres Ausatmen und ahnt Änderungen im Gesichtsausdruck hinter den maskierten Fassaden im Halbdunkel. Oder Halbhell. Auch meine Aerosole hörte ich in den Raum hineinrauschen durch die ungeschützten Leerräume zwischen Gesicht und Maske.

Ausschnitt Ausstellung STAGELESS im Friedrichstadt-Palast, Berlin, Oktober 2020

Im Ausstellungsfilm erhasche ich einen neuen Ausdruck, Ghostlight („Geisterlicht“). Zuhause lese ich nach: In amerikanischen Theatern wird nach der Vorstellung nachts ein Licht auf der Bühne angeschaltet, das sogenannte Ghost Light. Bis zur nächsten Probe darf die Bühne niemand betreten, weil die Geister der Verstorbenen tanzen möchten. So brennt jetzt auch im Friedrichstadt-Palast das Geisterlicht und die Geister toben sich in allen erdenklichen Tanzfacetten aus, denke ich mir. Und doch, es wird Zeit, Zeit für den Auftritt der Lebenden, der noch Schöpfenden, der Kreativen. Die Geister müssen bald wieder weichen.

Diese paradox scheinende Notwendigkeit, in Geduld zu verweilen, wo doch das kostbarste Gut Zeit dahinschwindet.

Dann verlasse ich das Foyer, die Nähe zu der still wartenden Bühne und laufe zur nächsten S-Bahn-Station. Erinnerungen ranken meine Beine hinauf, quetschen sich unter das T-Shirt und ziehen sich schließlich an den Nackenhaaren hinein in die aufgewärmte Haarmähne. Eine Weile lang scheint ihnen mein Kopf als Langzeitaufbewahrungsort verlockend, bis sie von den frischen Briesen der Stadt angelockt in die Erdumlaufbahn entschwinden.

Es wird Zeit auch für meine Geister zu weichen und die Bühne des Lebens mit Lichtfluten zu erhellen.

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Matthias

    Und leise taumelnd die Melodie der Stadt und der Menschen sich zu einem Klangteppich verknüpfen und zum sich betten und fortfliegen anbieten.

  2. Tonia

    Und die Lichtfluten im Herbst werden besonders schön. Bunt und der Regen wäscht die Melancholie mit sich fort.
    Wie schön geschrieben!

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