„Erwarte nichts. Lebe genügsam von Überraschungen.“

Das ist ein Ausschnitt eines meiner Lieblingsgedichte von Alice Walker, schon lange vor der Kindergroßziehen-Zeit gefunden und ins Herz geschlossen. Und so unwirklich diese Anweisung ins Leben auch ist, so befreiend kann sie uns durch blassgraue Tage bringen.

„Erwarte nichts. Lebe genügsam von Überraschungen. Entfremde dich dem Bedürfnis nach Mitleid. Wenn aber Mitgefühl freizügig gegeben wird, nimm nicht zu viel. Gib dem Drang nach Bitten nicht nach, dann befreie dich vom Verlangen. Wünsche nichts Größeres als dein eigenes kleines Herz. Oder als ein Stein. Zähme wilde Enttäuschungen mit ungerührtem kühlem Streicheln. Mache daraus einen Parka für deine Seele. Finde den Grund heraus, warum so winzige menschliche Riesen überhaupt existieren, so verängstigt unvernünftig. Aber erwarte nichts. Lebe genügsam von Überraschungen.“

Am Anfang steht das Leben in voller Blüte. Wir schmeißen uns hinein, mit wenig Rücksicht auf die Mitfühlenden, Mitstreitenden, die Beobachter, geschweige denn uns selbst. Wir wühlen uns Erlebnisse zurecht, nehmen Chancen auf die leichte Schulter und wissen uns durch die Minuten in eine unbekannte Zukunft zu balancieren. Unser Herz suhlt sich im Jetzt und weiß nicht um das Verschenken der kostbaren Herzensstrahlen. Glück steht uns ins Gesicht geschrieben wie einem Clown die rote Nase. Bis uns eines Tages eine Unaufmerksamkeit ein paar Lebensjahre kostet. Etwas passiert mit oder ohne unser Beitun, es passiert einfach. Manchmal merken wir erst in der Vollbremsung, welchen Speed wir drauf hatten, welch ein Glück uns zur Seite stand, still und schüchtern genug, um all die Jahre nicht aufzuschreien: Halt an! Schau hin! Du Idiot! Volle Karacho rasen wir auf die Erwachsenenkatastrophen drauf. Und dann kommt der Schmerz, der echte, der ungefilterte. Kein kleiner Kratzer oder ein Fingerbruch. Eine Unmenge Aktionspotentiale werden von unserem Gehirn ins Nervensystem geleitet und das Dauern beginnt. Wie in Zeitlupe versetzt bewegen wir uns aus der Rückschau betrachtet aus uns hinaus, stellen uns daneben und schauen uns beim Überdauern zu. Und die einzige Weisheit, die uns dann ein jemand noch geben kann ist – Du musst in den Schmerz hinein. Du wirst dort eine sehr lange Weile verweilen müssen. Und schließlich wirst du durch diesen Schmerz hindurch gleiten. Zurück bleibt ein Nichts, aus dem wieder ein Alles und Mehr werden kann, gezeichnet und schön, mit verschnörkelten Narben auf der Netzhaut. Und wenn wir genau hinschauen und das Glück haben, den richtigen Lichteinfall zu erwischen, leuchtet uns ein solcher Mensch in hoher Brillanz und mit der breiten Palette der Regenbogenfarben an… leuchten wir.

Solltest du dich gerade auf einer dieser anstrengenden Sprossen der Lebensleiter aufhalten und es aushalten müssen, greif dir nochmal die Zeilen von Alice Walker und lass sie dir Trost spenden – Erwarte nichts. Lebe genügsam von Überraschungen.

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