Eine Philosophie der Liebe

Das Kriechen durch die Veränderungen des Lebens kostet uns ganz schön viel Zeit und Kraft, denken wir uns manchmal. Das Feststecken in schwerlastigen Lebenskrisen noch viel mehr, so scheint es zumindest. Also kriechen wir lieber im (Schnecken)Tempo einer Neuerung entgegen als dass uns die Stagnation mit ihrer Erdanziehung und den Gewichtringen zu Boden ziehen vermag.

Veränderung braucht Zeit.
Loslassen braucht Zeit.
Ich will halten wollen, bis auch das kleinste Gefühl gefühlt und gewürdigt wurde.

So denke ich mir, während ich in meiner Liebeswahrnehmung durch meine Gefühlswelt schlendere und mich selbst wahrnehme.

Und dann denke ich an mein Gegenüber, an die Person, mit der ich mich weiterentwickeln möchte, mit der ich Veränderungen anpacken und durchschreiten will. Ich trete aus der Ferne in eine Nähe und kann ein Entzerren des Fokus auf den Momentzustand spüren. Das fühlt sich richtig an. Und nach Liebe.

Ich hörte heute auf einer Kind-aus-dem-Urlaub-Abholfahrt MDR Kultur Radio, mehr durch Zufall als gewollt, kein anderer Sender wollte auf halber Strecke Berlin – Herzberg (Elster) empfangen werden. Ein Schriftsteller und der Moderator unterhielten sich über das Buch des mir unbekannten Autors. Ich stieg ein beim Thematisieren der Liebe, der Liebesfähigkeit, der freien Liebe, der Langzeitliebesbeziehung, des Herzschmerzes. Liebeskummer, wer kennt den nicht! In der Dichtung und Philosophie schon immer als ein ,echter‘ Schmerz anerkannt und im Ernst und Ausdruck gewürdigt. Die Medizin benennt das Leiden mittlerweile auch, es ist das Broken-Heart-Syndrom (Gebrochenes-Herz-Syndrom). Die Symptome kennen wir, sie gleichen angeblich einer Depression: Perspektivlosigkeit, Niedergeschlagenheit, Schlafmangel, Appetitlosigkeit oder Antriebslosigkeit, um nur ein paar zu nennen. In sehr seltenen Fällen werden Menschen aus Kummer todkrank. Die Betroffenen erleiden ein akutes Herzversagen, ausgelöst durch starken emotionalen Stress. Das Phänomen Broken-Heart-Syndrom, Mediziner sprechen auch vom Tako-Tsubo-Syndrom. Im schlimmsten Fall kann es sogar tödlich verlaufen.

Zurück aber zu dem unbekannten Philosophen und seinen Ausführungen. Zuhause blieb ich neugierig und fischte den Unbekannten und sein Werk im Netz heraus. Peter Trawny: Philosophie der Liebe. Er beschreibt im Radio-Diskurs auf der einen Seite, dass wir heutzutage eigentlich gar nicht mehr liebesfähig seien und auf der anderen Seite den Reiz und die große Poesie von Langzeitbeziehungen. Er trifft den Kern unserer Zeit mit seinen philosophischen Grübeleien, finde ich, und meiner Zeit: In der Pendelbewegung zwischen Gegebenheiten und Wunschvorstellung haben wir/ habe ich die Hoffnung noch nicht aufgegeben.

Das große Problem laut Autor: Er macht sich Sorgen um die Liebe. Laut seiner weiß das freie Subjekt zur Zeit nicht genau, wie es Partnerschaften erhalten solle. Das vor dem Hintergrund des individuellen, autarken Lebens, das wir zeitgleich zu führen versuchen. Die Selbstbestimmung/ Selbstinszenierung macht uns in vielen Bereichen nicht glücklicher. Das Zulassen und das Seinlassen des anderen, das Absehen von den eigenen Zielen seien schwierig in einer Liebesbeziehung. Er thematisiert die problematische bis hin zu unmögliche Spannung zwischen Freiheit und Liebe, die viele nicht aushalten können. Liebe, auf die viele heutzutage verzichten zugunsten der Freiheit. Der Moderator gibt den Befund: „Die gelingende Beziehung sei in eine Krise geraten, die Liebe befände sich in einem Zustand einer tiefen Erschöpfung, weil die Gesellschaft sich in einer solchen befindet.“

Mich ergreift die Darlegung der Idee von Liebe und Zeit, Langstreckenliebe, dem Geheimnis dieser auf der Spur. Die Zeit, die die Liebe braucht. Der Moderator gibt Buchauszüge wieder, von der miteinander und füreinander gelebten Zeit, von Dauer und Überdauern. Er lässt einen träumen von der Möglichkeit mit einem geliebten Menschen gemeinsam alt zu werden. Das Erleben dieser scheinbaren Einfachheit in die Schönheit zu erheben, sich in eine solche Erfahrung hineinzubegeben. Das Inkaufnehmen der Liebesdialektik inmitten: Liebe birgt die schreckliche Gefahr des Verlustes. Das Inkaufnehmen der ,Selbstfreigabe‘: Wenn man tatsächlich eine ernsthafte Beziehung führen möchte, muss man sich demjenigen auch ganz öffnen, einen anderen Weg stellt die Liebe nicht zur Auswahl.

Die Sendung werde ich mir gleich auf mdr Kultur Radio im Ganzen anhören, das Buch anschaffen und die Hoffnung nicht aufgeben. Und das Hoffen ist schon eine Form der Liebe, oder? Und einen sehr poetischen, bildlichen und positiven Ausdruck nehme ich mit in die nächtlichen Grübeleien, oder besser formuliert: in die nächtlichen Denkbilder.

„Die Schönheit der alternden Hand auf meiner Hand.“ Zitat Peter Trawny

https://www.mdr.de/kultur/radio/ipg/sendung-524414_days-true_ipgctx-true_zc-f9c202c7.html (link Audioaufnahme vom 08.02.2020)

Ein Diskurs über: Trawny, Peter: Philosophie der Liebe. Frankfurt am Main, Fischer Verlag, 2019.

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. … und dieses Erkennen der Möglichkeit „der alternden Hand auf meiner Haut“ lässt ein Herz frohlocken und gibt der Seele Nahrung und Entschlossenheit sich selbst und seine Freiheit freizusprechen um etwas gemeinsames, neues zu erschaffen. Werde Teil einer Gemeinschaft und frage Dich, was kannst Du für sie tun.

    Und ist die Sehnsucht nach dieser einen Gemeinschaft, nicht von Beiden getragen, bürdet es den anderen, eine stärkere Last auf. Ungewollt vom Gegenüber hinein getragen in das eingangs beschriebene Zermürbnis des Anderen.

    Und so bewegt sich manch einer, wieder vom Leben gezeichnet, in diesem Aufgeben von Freiheit, zurück in seine Fesseln der Sehnsucht . oberflächlich im Leben voran.

    1. Und diese Last umfasst auch den Anderen in sein Glück ziehen zu lassen. Denn dies umfasst, was kann ich in meinem Aufgeben für die Gemeinschaft zu diesem Menschen geben. Ein letztes Geschenk und Geste.

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