„Der Vogel kämpft sich aus dem Ei.“

Hermann Hesse, einer der in meiner frühen Jugend mit seinem Buch „Demian“ den Kern meiner Zeit-Grübeleien traf. Ein Buch, das ich gerne noch ein zweites und vor Kurzem auch ein drittes Mal gelesen habe. Selbstfindung, das, was unsere pubertierenden Kinder so brennend vor sich haben, in dem sie halb erblindet und zugleich in Neonfarben badend feststecken. Das, wovon wir in unserer Jugend gedacht haben, es sei ein Prozess, der im Erwachsenenalter einen runden Abschluss findet.

Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich als Kind meine Eltern aber auch andere Erwachsene als ein festes Ganzes, in sich ruhendes ansah. Selbst in Konfliktsituationen schienen sie ganz klare Konturen zu haben. Mit dem Älterwerden bröckelte das Farbbild und sie wurden menschlicher.

Das Wissen um die Existenz zweier Welten in einem, die gute, sanfte und helle und die scheinbar schlechte, dunkle und verworrene Welt, dieses Wissen mit einem so begnadeten Schriftsteller wie Hesse zu teilen schien mir vor Jahrzehnten etwas Erhabenes und Ergreifendes inne zu haben.

Heute, im „Hohen Alter“ von 42 Jahren, als ein offiziell „älter werdender Mensch“ habe ich begriffen und verinnerlicht, dass das sich Herausschälen in die Welt hinein, in die Erkenntnis, die Berufung, den Sinn, dass all diese Transformationen ein Leben lang andauern. Vielleicht schleppen wir den Versuch der Selbstwerdung sogar in ein zweites und drittes Leben hinein, sofern wir an ein Wiederkommen auf dem kleinen Planeten Erde glauben.

„Mancher wird niemals Mensch, bleibt Frosch, bleibt Eidechse, bleibt Ameise. Mancher ist oben Mensch und unten Fisch. Aber jeder ist ein Wurf der Natur nach dem Menschen hin. Und allen sind die Herkünfte gemeinsam, die Mütter, wir alle kommen aus demselben Schlunde; aber jeder strebt, ein Versuch und Wurf aus den Tiefen, seinem eigenen Ziel zu. Wir können einander verstehen; aber deuten kann jeder nur sich selbst.“

Welch ein Glücksfall, wenn wir auf diesem Weg voller Höhen und Tiefen einem anderen begegnen, der unseren Lebenspfad kreuzt, anhält und uns eine Weile begleitet. Welch ein Glücksfall, wenn in diesem einen unsere Sehnsüchte sich spiegeln und wir unsere Tiefen ausloten können. Gesehen und verstanden werden, eine Ahnung vom Ankommen zu Lebzeiten, von Geborgenheit und Liebe.

Schauen wir auf unsere Pubertiere-nden mit Nachsicht und in wacher Erinnerung an unsere ersten Eischalen-Brecher. Es ist nie einfach, aber schon immer hat sich der Weg nach Vorne gelohnt, einer stetig pulsierenden Zielvision Ich entgegen.

Wir können versuchen sie zu verstehen, werden sie oft einfach nur machen lassen müssen… aber deuten werden auch sie sich selber müssen.

 „Der Vogel kämpft sich aus dem Ei. Das Ei ist die Welt. Wer geboren werden will, muss eine Welt zerstören.“

„Das Verbinden tat weh. Alles, was seither mit mir geschah, tat weh. Aber wenn ich manchmal den Schlüssel finde und ganz in mich selbst hinuntersteige, da wo im dunklen Spiegel die Schicksalsbilder schlummern, dann brauche ich mich nur über den schwarzen Spiegel zu neigen und sehe mein eigenes Bild, das nun ganz ihm gleicht, ihm, meinem Freund und Führer.“

Dieser Beitrag hat 3 Kommentare

  1. Matthias

    Und das Leben verwoben im verworrenen Strang der Wahrhaftigkeit, gibt den Blick auf eben diese neue Welt frei. So tritt herein und siehe …

  2. Ich muss das Buch jetzt unbedingt lesen… es liegt nur eine Armlänge entfernt… toll geschrieben

    1. Joanna

      Unbedingt! Der beste Einstieg in die Hesse-Bücher. Viel Freude damit und lass mich wissen, wohin es dich entführt hat…

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