Das Wohlwollen der Götter

„Was liegt westlich von Westeros?“, fragte sich Aria in der Serie Game of Thrones.
„Welches Schicksal ist mir gegeben?“, fragte sich Lagertha in der Serie The Vikings. „Tapferen Frauen ist das Wohlwollen der Götter immer gewiss“, sagte einst der Seher von Kattegat.

Die Liebe zu ihrer Familie, eine wachsame Neugierde und Lebenslust trieben sie voran, auch dann noch, als die Zeiten schwer und schmerzvoll waren, als es nur ums bloße Überleben und Überdauern ging.

In den Realitäten des ,einfachen Volkes‘, der ,einfachen Mama‘, werden weniger glamouröse Fragen gestellt. Zuallererst heißt es – Hauptsache gesund.

Kinder wechseln sich mit ihren Gesundheits-, Daseins- und Gemütskrisen gerne ab, und das wie mir scheint ganz unabhängig von der Anzahl der Kinder in einem Haushalt. Hat der eine seine hartnäckige Erkältung überwunden, steht schon der zweite mit einer Schlechtschlafens-Phase Nacht für Nacht auf der Matte bzw. am Bett der Eltern. Und legt sich endlich die nächtliche Unruhe beim zweiten, kommt das dritte Kind mit einer schulischen Daseinskrise um die Ecke. Phasen der Ruhe und Harmonie bei allen Kindern zeitgleich reduzieren sich schnell auf Stunden und Minuten, nicht auf vielleicht auch mal eine ausgedehnte Woche, wie im kurzen Stillen erhofft. Besonders prägend sind die Tage, an welchen alle zwei, drei oder x Kinder zeitgleich ihre Krisen hinausstülpen. Ich erinnere mich da an eine Magen-Darm-Geschichte, die hier nicht weiter ausgeschmückt wird. Kranksein des erziehenden Elternteils ist dann tabu, und zum Glück hält sich die Psyche auch weitgehend an diese Vorgabe. Und sie lässt sich zurechtschleifen.

Vor kurzem war ich mit einer lieben Freundin und unsern Kindern auf weiten Feldern spazieren. Wir Stadtrandbewohner haben da unsere nahliegenden Möglichkeiten. Und wenn zwei Freundinnen unterwegs sind und sich eine Vielzahl Wichtiges zu erzählen haben, kann frau sich auch mal im Großkreis laufend verlaufen. Wir haben eine Menge Kilometer abgeschrubbt und die sich freilaufenden und freiquatschenden Kinder zum Erschöpfungsschweigen gebracht. Und mal wieder unsere Muskeln gespürt. (Ein Zeitungsausschnitt in der Regio Richtung Arbeitsplatz berichtete mir hierzu mal: Lange, wenig intensive Bewegung bringt mehr Gesundheitsvorteile als kurze Phasen intensiver Aktivität. Für einen bekennenden Niemals-Jogger ist das ein haftenbleibender Hinweis.) Und da erinnerte ich mich wieder an das Zurechtschleifen.

Und dann sprangen meine Gedankenbilder rüber zum Rohmaterial Marmor und anderen Gesteinen. So sehe ich uns Menschen gerne vom Leben zurechtgeschliffen (werden). Ein Stück weißen Marmor, der zurechtgehauen wird. Ein Gestein, das in eine Form transportiert wird mit jedem Lebenszug, jedem Muskelschmerz, jeder schweren Lebenskrise, jeder ersten schweren Kinderkrankung. Erst wenn die Grenze zum Schmerz überschritten wird, bröselt auch das Schleifpapier an unseren Konturen entlang und poliert uns hinaus. Ich sehe dann meine Lieblingsskulpturen des 19. Jahrhunderts von Auguste Rodin, den schönsten aller Skulpturenrücken der Danaide oder den Kuss (siehe Fotos* unten).

Und wenn die Tage schwer und die Nächte am dunkelsten sind, bleiben mir das Bild vom Hammer schwingenden Bildhauer und die Vision von der auf Hochglanz polierten sinnlichen Menschenfigur, entblößt von allen Überzügen, so wie die Götter sie schufen. Und es bleibt der Blick gen Horizont mit einem leichten Windhauch um die Nasenspitze zwischen den lauten Straßenzügen. Er trägt die Sehnsucht nach Freiheit, den Geruch vom Fernweh mit sich, was in der Momentaufnahme Balsam für den ausgedörrten Geist ist. Mehr bedarf es nicht.

Das Wohlwollen der Götter bringt uns so viel Gutes herbei. Und unser Beitun. Was westlich von Westeros liegt, lag auch schon vor Jahrhunderten dort und kann noch einen langen Wimpernschlag auf mich warten. Und sollte sich der Windhauch um die Nasenspitze mal zu einem Sturmwind zuspitzen, erinnern wir uns an das jedem bekannte tapfere Mädchen Pippi Langstrump.

Tommy und Annika: „Der Sturm wird immer stärker.“ Pippi: „Das macht nichts. Ich auch!“

Der Kuss
La Danaide

Zur Vervollständigung der bildlichen Vorstellungskraft: Auguste Rodin modellierte seine Figuren in Ton, das Hauen in Marmor oder den Bronzeguss überließ er unter seiner strenger Aufsicht seinen Mitarbeitern, dem ,einfachen Volk‘.

Quellen Fotos:
https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Kuss_(Rodin)
https://www.arsmundi.de/de/277705/Skulptur-La-Danaide-1889-90-Version-in-Kunstmarmor/277705.html

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