Das Dilemma der Wünsche und Gegebenheiten

Wir wollen alle irgendwohin, wo im Winter die Sonne scheint. Irgendwohin, wo im Sommer schattige Plätze Erfrischung bringen. Wir wollen im Kreis unserer Liebsten in das Lebensalter treten und zur Ruhe kommen. Und wir wollen hinter dem Lebenszenit Zeit für unsere neuen Wegesweiser haben und ihnen notfalls auch im Alleingang folgen. Wir sind in all unserem Fühlen, Denken und Handeln so ambivalent wie ein Lebewesen auf Erden es nur sein kann. Vielleicht eint uns nur die Sehnsucht nach der Liebe.

Also pflanzen wir kleine Samen und lassen Babys daraus wachsen. Also treffen wir fremde Menschen und beschnuppern uns gegenseitig in Sphären der zwischenmenschlichen Anziehungskraft. Und lassen das Herausgeschnupperte auf uns wirken und hoffen auf kleine Rauschzustände, die uns der Vernunft und Vorsicht entrücken. Wir wollen kinderleicht ins Neue uns stürzen können und dabei aus dem reichen Erfahrungsschatz der Niederlagen schöpfen und Panzerplatten griffbereit zur Abschirmung halten.

Wir bekommen Kinder, die mit Freude und Lebensstrahlen unseren ganzen Lebensraum beleuchten und ausfüllen. Und wir bekommen Kinder, die dank der Weiten ihrer Vorstellungskraft hinaustreten aus dem intimen Raum der Familie und sich auf die Suche machen nach eigenen Wegen, Wünschen und Gedanken.

Ich bin seit über einem Jahr wieder allein unter meinen vielen Lieben oder seit 44 Jahren, je nach Blickwinkel, Tagesform und Selbstwahrnehmung. Und vielleicht war ich nie so offen für offene Menschen. Und noch nie so zuversichtlich, dass mein Leben noch durch Begegnungen und Annäherungen zu noch Un-Bekannten große Bereicherung erfährt. Und doch bin ich allein. Und wenn mich manchmal eine nette mir Nahestehende oder mich ein netter Unbekannter fragen, warum dem so sei, fische ich halb verlegen und halb subtil im Vergangenen nach geistreichen Antworten, an die ich glauben möchte. Vielleicht ist mir der Richtige noch nicht begegnet, vielleicht stimmte das Timing, die Lebensumstände, die Kommunikation oder Nichtkommunikation oder die Sternenkonstellation nicht? Am Ende ist es nicht wichtig, warum es in der Vergangenheit nicht anders kam, denn die Vergangenheit ist vergangen. Wenn ich von Liebe sprach, so war es denn auch Liebe und ihre Energie ist nicht erloschen. Sie hat sich untergemischt und verfärbt in der Dauer der Umläufe um unser Universum. Aber sie ist unverändert ein Bestandteil in meiner Vorstellungskraft.

Es würde vieles ändern, wenn wir endlich wieder für etwas brennen würden in unserer Mittelmäßigkeit des Lebensdurchlaufs. Für etwas brennen, so sehr, dass man sich durch nichts davon abhalten, ablenken, durch keine Hürden verunsichern lässt. Es einfach machen. Getreu nach dem Buddha-Hinweis: „The trouble is, you think you have time“ („Das Problem ist, du denkst, du hast Zeit.“).

Das hier wird bald zu Ende sein. Was wollen wir noch damit machen? Wohin wird es uns nach Jetzt führen und ziehen und locken? Was wünschst du dir wirklich noch in diesem Leben? Was möchtest du erleben, erreichen, ergreifen, bevor der Vorhang hier fällt?

Ich stelle mir vor, ich verfalle hinter dem Vorhang dem schönen Wort, wie auch schon in diesem Leben. Wenn Sprache klar ist wie eiskaltes Quellwasser, geht mein Herz in wohliger Wärme auf. Sie kann jedoch nur so klar sein, wie ihre Gedanken dazu und die Gefühle zu den Gedanken.

Wenn wir nicht sagen, was wir denken und fühlen, wurmt sich ein Wurm der Unzufriedenheit so lange durch unseren Körper, bis wir stark durchlüftet die Fassung verlieren, ins Schwanken kommen und unsere Membran in Schmelze versetzen. Die aufrechte Haltung und der aufrechte Gang verabschieden sich in Alltagssituationen und erschrecken uns beim Vorbeischleichen an unseren Spiegelbildern. Wir entfernen uns von uns selber und lassen einen Schleier der Vergessenheit zwischen die Wahrnehmung unserer Selbst fließen. Wer sind wir gewesen, bevor wir uns selbst in Vergessenheit gebracht haben? Ist die Erinnerung daran nur ein Idealbild nicht gelebter Leben oder sind wir tatsächlich die guten Menschen von nebenan gewesen? Oft meinen wir, in Wirklichkeit gar nicht so zu sein, wie wir in der Momentaufnahme sind. Dann entschuldigen wir uns für unser Jetzt-so-sein und geloben laut oder im Stillen Besserung und Rückkehr zu den alten einst gelebten Werten.

Vielleicht aber sind wir so schlecht, so weniger gut, so mittelmäßig wie uns auch die anderen schimpfen und die Momentaufnahme ablichtet? Und vielleicht können wir trotz dieser Erkenntnis Außergewöhnliches vollbringen und die Welt mit unserem Ausscheren aus der Erwartungshaltung überraschen und in leises Staunen und Raunen versetzen? Gutes säen und Hoffnung ernten, Kinder mit Sprache aus dem Quellwasser beschenken und Richtung Horizont und dahinter ziehen lassen.

Ich brachte Nähe durch die Nacht und pflückte vom Himmel blaue Meeressteine. Sie schmücken meine starke Hand. Ich würde gerne anders sein und möchte mich nicht ändern. Melancholie trägt den Ozean in mir in Bewegung. Dort komme ich zum Schaffen von Wortbildern. Und im Dunkel der Schlagschatten erholen wir uns von all den Ungereimtheiten unserer Entscheidungen, bis sie uns nichts mehr angehen. Und bringen Nähe durch die Nacht.

Menschen, die dir ein Lächeln ins Gesicht zaubern mit ihrer Stimme, ihrem Schweigen, ihren Worten und ihrem Raum für dich – nimm sie mit, koste es, was es wolle.

Es gibt Wege, die man einfach nicht allein gehen kann.

Sohn am Strand von Schillig, Nordsee, Juli 2021

Dieser Beitrag hat 4 Kommentare

  1. Matthias

    Danke für die Zeilen. In einem meiner Lieblingstexte ( „Was ist das Leben“ ein schwedisches Waldmärchen) heisst es am Hoffnung spendenen Ende: Wie ich, die Morgenröte, der Beginn des neuen Tages bin, so ist das Leben der Anbruch der Ewigkeit.

    1. Joanna

      …das Märchen hatte ich auch schon Mal in den Händen. Schön ist es.
      Grüße in die Nachbarschaft und ein erholsames Sommerwochenende euch beiden!

  2. Torsten

    Wieder ein besonderer Text einer besonderen Frau. Viel Glück und Zuversicht für das, was da noch kommt! 💕

    1. Joanna

      Danke! Dir ebenfalls alles Gute und viel Kraft für die Alltags-Baustellen…

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